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Weimarer Sommerkurse 2009

Das Programm im Überblick

Das Jahr 2009 hält eine besondere Häufung von Jubiläen bereit, die die europäische Demokratie wirkungsmächtig geprägt haben: In Deutschland steht vor allem das Gedenken an die erste deutsche Demokratie, die 1919 gegründete „Weimarer Republik,“ sowie an die Verabschiedung des Grundgesetzes im Jahre 1949 im Zentrum der Erinnerung. Die friedliche Revolution des Jahres Herbstes 1989 in Mittel- und Osteuropa war ein mit großen Hoffnungen verbundener demokratischer Aufbruch, der die kulturelle und politische Landkarte fundamental veränderte. Alle Europäer/innen könnten sich 2009 schließlich an das 220jährige Jubiläum der Französischen Revolution erinnern, mit der die Hoffnung auf Veränderung politischer Verhältnisse ebenso verbunden ist wie die erschreckende Erfahrung, dass der Elan von Revolutionen im Terror enden kann.

2009 ist aber auch ein Gedenkjahr an Friedrich Schiller (* 1759) und Johann Wolfgang von Goethe (* 1749), die als Zeitzeugen der revolutionären Umbrüche um 1800 zentrale Denkanstöße für unsere Zeit entwickelten: so wie Schiller von der „Freiheit“ der Menschen träumte, so Goethe von „Weltbürgertum“ und „Humanität“ als den grundlegenden Werten einer friedlichen Kultur. Das 1919 in Weimar gegründete Bauhaus wiederum propagierte einen ästhetischen Zugang zu gesellschaftlicher Gestaltung, der später von Joseph Beuys im Konzept der „Sozialen Plastik“ weiter entwickelt wurde.

Die 10. Weimarer Sommerkurse wollen sich diesen Eckpunkten europäischer Erinnerung interdisziplinär nähern. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie wir die Erfahrungen von Denkumbrüchen und gesellschaftlichen Veränderungen seit 1789 fruchtbar machen können für den weiteren Demokratisierungsprozess europäischer Gesellschaften.

Wir laden Sie sehr herzlich dazu ein, gemeinsam mit jungen Intellektuellen aus rund 30 Ländern diese und weitere Fragen in der Kulturstadt Weimar zu bearbeiten! „Weltbürgertum“ und „Humanität“, „Frieden“ und „Freiheit“ sind schnell beschworen - als gelebte Werte aber bleiben sie Herausforderungen für die Zukunft.

Sechs Kurse, die sich an junge Intellektuelle aus ganz Europa und darüber hinaus richten, bieten in Weimar zu diesem Rahmenthema unterschiedliche Zugänge über Literatur, Kunst, Philosophie, Kulturgeschichte und Gender Studies an.

Kurs A: „Populus versus vulgus“
– Politik und Demokratie im Deutschen Idealismus

Wegen Erkrankung des Kursleiters muss der Kurs A in diesem Jahr leider abgesagt werden.

Kurs B: „Spuren der Geschichte.“
Laboratorium zur Entwicklung neuartiger Vermittlungsszenarien von kulturellem Erbe im öffentlichen Raum am Beispiel der Region Weimar / Jena

Historisch hoch bedeutsame Orte wie Weimar ziehen jedes Jahr Hunderttausende Menschen an. Die Vermittlung und Aneignung des dort vorhandenen kulturellen Erbes verlangt nach spezifischen Szenarien, insbesondere im öffentlichen Raum. Die Künste und neue Medientechnologien ergänzen hier mittlerweile klassische pädagogische Methoden und traditionelle touristische Angebotsformen. Diese neuen Möglichkeiten bieten ungeahnte Chancen, konfrontieren aber auch mit zahlreichen neuen Problemen.

Ausgehend von Grundlagen der Vermittlung und Aneignung historischer Bestände und der sich daraus ableitenden Themen (didaktische Strategien, Kommunikationsformen, Motivationsfragen, psychologische Fragen, Rechtsfragen, Rolle von Zielgruppen etc.) sowie von eigenen Erfahrungen erarbeitet sich der Kurs zentrale Orte in Weimar unter dem spezifischen Blickwinkel der dort bereits praktizierten Vermittlungs- und Aneignungskonzepte. Dabei werden wir uns auch intensiv mit Inhalten und Gegenständen des kulturellen Erbes von der Klassik bis zur Weimarer Republik auseinandersetzen.

Auf dieser Grundlage werden die Möglichkeiten neuer Szenarien diskutiert und diese experimentell erarbeitet. Dazu streben wir eine enge Zusammenarbeit mit Partnern, wie z.B. der Klassikstiftung und der Bauhausuniversität an. Insbesondere die Möglichkeiten der Verknüpfung von Orten und Themen im öffentlichen Stadtraum sollen diskutiert und in Ansätzen erprobt werden. Dabei werden die Möglichkeiten neuer Medientechnologien ebenso einbezogen, wie Strategien der künstlerischen Intervention.

Besonders angesprochen werden sollen Studierende aus den Bereichen Kunst, Pädagogik, Geschichte, Sozialwissenschaften, Medien, außerdem Pädagoginnen und Pädagogen, Erwachsenenbildner(innen), Künstler(innen), Historiker(innen), Mitarbeitende in Museen und Gedenkstätten, Stadtführer(innen) und Medienwissenschaftler(innen).

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Kurs C: Das Bauhaus – Demokratie und Zukunftsfähigkeit als ästhetische Herausforderung

Das Staatliche Bauhaus – ebenso wie die erste deutsche Republik 1919 in Weimar gegründet – setzte sich das Ziel, vom Kunstfeld her das ganze Leben neu zu gestalten. Zu den Schlüsselideen hierfür zählten eine programmatische Zukunftsorientierung und eine demokratische Grundausrichtung. Beides war unverzichtbar für jene Synthese von innovativer Baukunst und umfassender Menschenbildung, mit der die historische Avantgarde die Industriemoderne kulturell zu reformieren suchte. Heute stehen wir vor der Aufgabe, die globalisierte Industriemoderne in eine Zivilisation zu überführen, in der sich gelebte Demokratie mit ökologischer Zukunftsfähigkeit verbindet. Dies stellt eine umfassende Herausforderung an unsere individuelle und gesellschaftliche Kreativität dar.
Was lässt sich vor diesem Hintergrund von der so widerspruchsvollen Idee und Geschichte des Bauhauses lernen? Gibt es Verbindungen zwischen der Ästhetik des Bauhauses und demokratischem Verhalten? Hat die historische Avantgarde Strategien entwickelt, die auch heute im Spannungsfeld zwischen demokratischen Prinzipien und ökologischer Zukunftsfähigkeit fruchtbar werden könnten? Wo und wie knüpfen kulturreformerische Initiativen gegenwärtig an die „Idee Bauhaus“ (Ludwig Mies van der Rohe) an? Ist für eine zukunftsfähige Weiterentwicklung demokratischer Praktiken der innovative Bildungsansatz des Bauhauses besonders relevant?

Da der Akteur gesellschaftlichen Wandels letztendlich jeder einzelne Mensch ist, vermittelt der Kurs neben kunsthistorischem und kulturphilosophischem Wissen auch Methoden, die helfen können, sich mit der eigenen Kreativität zu verbinden und sich so selbst in Entwicklung zu bringen. Auf dem Programm stehen darüber hinaus Besuche der Bauhaus-Stätten in Weimar und Dessau (seit 1996 UNESCO-Kulturerbe), ein Austausch mit Michael Siebenbrodt, dem Kustos des Bauhaus-Museums in Weimar, und mit Regine Bittner, der Koordinatorin des Bauhaus-Kollegs der Stiftung Bauhaus Dessau, sowie schließlich ein Besuch der großen Ausstellung zum 90jährigen Bauhaus-Jubiläum im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

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Kurs D: Die Weimarer Republik – Chancen und Scheitern eines demokratischen Experiments

Im Frühjahr 1919 kamen die ersten demokratisch gewählten Parlamentarier in die Klassikerstadt Weimar, um hier im „Deutschen Nationaltheater“ über die Verfassung einer neu zu gründenden Demokratie beraten.
Diese „Weimarer Republik“ gehört zu den faszinierendsten Epochen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert und begann mit vielerlei Chancen und Hoffnungen. Plötzlich – nach dem militärischen und politischen Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 – schien Alles möglich: eine neue Politik, neue gesellschaftliche Verhältnisse, neue Kunst und eine neue Erziehung – kurzum: eine neue Zeit, in der alles anders sein sollte. Doch der versuchte Neubeginn und die realen Möglichkeiten zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse mussten mit dem Erbe der Vergangenheit fertig werden: den alten Eliten, den sozialen und ökonomischen Lasten der Kriegs- und Nachkriegswirtschaft, alten Denkformen und den antidemokratischen Vorbehalten vieler Deutscher, nicht zuletzt des Adels und großer Teile des Bürgertums.

In der Stadtgeschichte Weimars und der Landesgeschichte Thüringens zwischen den beiden Weltkriegen spiegeln sich in großer Dichte und Deutlichkeit Chancen wie Risiken dieses ersten demokratischen Experiments in Deutschland wider. Die Klassikerstadt war nicht nur der Gründungsort der Republik, hier formierte sich früh auch der Widerstand gegen die Demokratie. Thüringen wurde berühmt durch seine fortschrittliche Erziehungs- und Schulpolitik und zugleich zum Aufmarschplatz der politischen Rechten aus ganz Deutschland. Dem avantgardistischen Bauhaus opponierte eine kulturelle Haltung, die den Geist der Klassik und der „deutschen Kultur“ gegen die experimentelle künstlerische Moderne beschwor.

Der Kurs möchte die politischen Veränderungen jener Jahre ebenso wie die politischen Visionen und die kulturellen Positionen in der Arbeit an Texten und Bildern rekonstruieren und damit die Konturen einer Epoche beleuchten, die wir allzu oft nur von ihrem Scheitern her begreifen. Doch gehört zu jedem demokratischen Wandel am Anfang erst einmal die Hoffnung und die Kraft zur Veränderung – was die Ostdeutschen noch einmal im Herbst 1989 zu nutzen wussten.

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Kurs E: Politik, Freiheit, Revolution - Weimarer Klassik als politische Morgendämmerung?

Die Debatte unter den Deutschen über Freiheit, Nation und Revolution wird im 18. Jahrhundert akut. Die 300 selbständig-selbstherrlichen Fürsten-, Herzog- und Bistümer des fragmentierten Deutschland – jedes für seine Einwohner ein „Vaterland“ – hielt lediglich die schwache, verjährte Struktur des so genannten „Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation“ zusammen. Dabei war „Nation“ keine politische im modernen Sinn, gemeint war bloß eine in der Mitte Europas weit verbreitete Sprachgemeinschaft.

In einer sich allmählich deutschsprachig fühlenden Kultur wurden jedoch sowohl die Missstände der absolutistischen Herrschaft als auch der Impuls zum nationalen Zusammenschluss in Dichtung und Philosophie intensiv thematisiert. Reflexion probte Rebellion, vorerst allerdings nur auf dem Papier. Die wirkliche Revolution in Frankreich hat dann neue freiheitliche Werte ins Rampenlicht gestellt, aber auch die Fallen und Gefahren radikalen politischen Handelns aufgezeigt. Der Goethe-Sommerkurs wird diese Problematik anhand von Werken Goethes (Reineke Fuchs, Hermann und Dorothea u.a.) und seiner Zeitgenossen Kant, Klopstock (Revolutionsoden), Schiller (Briefe über ästhetische Erziehung in Auszügen, Wilhelm Tell und Don Carlos), Wieland (Agathon in Auszügen), Georg Forster (Briefe aus dem revolutionären Paris) zu beleuchten versuchen.

Das Seminar (mit maximal 25 Teilnehmern) findet in einem international geprägten Ambiente als eigenes Programmangebot der Goethe-Gesellschaft im Rahmen der 10. Weimarer Sommerkurse statt. Unterbringung, Verpflegung und alle Seminardiskussionen erfolgen in den Räumen der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte (in zentraler Stadtlage und in fußläufiger Entfernung zum Park an der Ilm und den Gedenkstätten der Weimarer Klassik). Für das Arbeiten im Kurs wird den Teilnehmern ein Reader zur Verfügung gestellt. Alle Teilnehmenden haben mit dem Teilnehmerausweis freien Zugang zu den Weimarer Museen, Kunstsammlungen, Bibliotheken und Archiven.

Kursleitung: PD Dr. Benedikt Jeßing, Universität Bochum, Prof. Dr. Terence James Reed, Universität Oxford und als Assistent Christoph Reith, Universität Freiburg
Kursbegleitung: Dr. Wolfgang Müller Vorstandsmitglied der Goethe-Gesellschaft

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Kurs F: Privat – Öffentlich-Politisch. Wege der Frauen – und Männerpartizipation.

Für moderne Gesellschaften gilt, dass die drei Sphären – privat, öffentlich, politisch – für beide Geschlechter im Prinzip gleichermaßen zugänglich sind. Die Tür zum dritten Bereich wurde für Frauen vor 90 Jahren mit dem passiven und aktiven Frauenwahlrecht geöffnet. Die sozialen Entwicklungen der letzten Jahre in Deutschland und die aktuellen Diskussionen ermöglichen, dass auch den Männern eine aktive Teilnahme im privaten Bereich zugestanden wird und dass zumindest einige von ihnen diesen Wert für sich erkannt haben.

Der Kurs wird sich in einem historischen Exkurs zunächst mit Lebenswegen und Tätigkeitsfeldern von Frauenpersönlichkeiten der Weimarer Klassik beschäftigen. Wir wollen zeigen, wie intensiv das damalige Kulturleben von Frauen mitgestaltet wurde und welche Möglichkeiten der politischen Teilhabe einige von ihnen aufgrund ihrer Herkunft und Position, beispielsweise als Herzogin und Regentin, hatten. Besonders wichtig ist im politischen Kontext sodann die Zeit der Weimarer Republik. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts und der neuen demokratischen Verfassung räumte sie den Frauen politische und soziale Rechte in bis dahin nicht erreichter Weise ein.

Im Blick auf die aktuelle gesellschaftliche Situation wird sich der Kurs genauer mit der Problematik der Partizipation von Frauen und Männern in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft beschäftigen. Dabei werden die Sackgassen einer Suche nach dem „starken“ und „schwachen“ Geschlecht problematisiert, auf Risiken eines neuen Biologismus, der auf aktuellen Ergebnissen der Gehirnforschung basiert, aufmerksam gemacht und Argumente für seine Überwindung im Sinne der Gleichberechtigung und Gleichbehandlung von Mann und Frau ausführlich dargestellt.

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